Wenn’s allein nicht weitergeht – Klinische Psychologen helfen bei psychischen Erkrankungen genauso wie bei körperlichen Leiden

Schlaganfall, Demenz, Depression: Klinische Psychologen helfen bei psychischen Erkrankungen genauso wie bei körperlichen Leiden.

„Guten Tag! Ich bin Psychologe und möchte gerne Ihr Verhalten testen“, sagt der Mann in Weiß zu seinem Gegenüber. Er spricht in ruhigem Ton, seine Stimme ist angenehm, seine Gesichtszüge sind entspannt, er lächelt. Doch Maria M. findet ihn alles andere als sympathisch und zischt erbost: „Warum? Ich bin doch nicht deppert!“ „Das behauptet auch niemand, Frau M., ich will Ihnen nur ein paar einfache Fragen stellen. Wie viel ist denn 100 minus 7?“ „Na, 93“, weiß sie. „Und wie heißt unser Bundes­präsident?“ „Das ist der Fischer“, antwortet sie bestimmt. „Und was sagt Ihnen das: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.“ Die 67-Jährige überlegt kurz: „Dass ein Apfel vom Baum fällt und genau neben dem Stamm liegen bleibt.“ Der Mann in Weiß hält inne, er hat nun den „Fehler“ bei Frau M. gefunden: Sie erkennt nicht den übertragenen Sinn beim Apfel-Stamm-Sprichwort und erklärt es daher wortgemäß – sie kann nicht abstrakt denken.

Verhalten testen
Der Mann in Weiß ist Mag. Bruno Weidlich, klinischer Psychologe im Landesklinikum Mistelbach. Maria M. ist Patientin auf der neurologischen Abteilung. Vor zwei Wochen hatte sie einen leichten Schlaganfall, verursacht durch ein Blutgerinnsel in einem Hirngefäß. Mit modernsten Untersuchungsmethoden wurde diagnostiziert, dass durch den Sauerstoffmangel einige Hirnzellen abgestorben sind. Wie genau sich das auf ihre Denkleistung auswirkt, versucht der klinische Psychologe mit verschiedenen wissenschaftlichen Testmethoden herauszufinden.
Untersuchen, beraten, behandeln

Die Klinische Psychologie ist ein Teilgebiet der Psychologie, der Wissenschaft vom Leben und Verhalten des Menschen. Klinische Psychologen untersuchen, beraten und behandeln Menschen mit psychischen, aber auch sozialen und körperlichen Beeinträchtigungen und Störungen. Sie sind die Spezialisten sowohl im Erkennen von Problemen und Störungen des menschlichen Erlebens und Verhaltens als auch im Entwickeln von maßgeschneiderten Lösungen und Behandlungen. Durch den Einsatz modernster Methoden können Probleme in den Bereichen Lernen, Gedächtnis und Denken, Gefühle, Motivation, Ängste, Belastungen wegen körperlicher Erkrankungen oder einschneidende Erlebnisse und Lebenskrisen und vieles andere punktgenau und rasch behandelt werden.

Viele Vorurteile

Das klinisch psychologische Leistungsangebot steht Patienten aller Abteilungen während ihres stationären Aufenthalts zur Verfügung. Bruno Weidlich arbeitet im neuropsychologischen Bereich, in seinen Zuständigkeitsbereich fallen Erkrankungen des Nervensystems wie Schlaganfall, Hirnblutungen, Schädel-Hirn-Trauma, Demenz etc. Manche Patienten wünschen von selbst ein Gespräch mit einem Psychologen, meistens werden sie ihm jedoch zugewiesen. Oft sind sie wenig begeistert davon, schmunzelt Weidlich: „Hören die Patienten, dass ich Psychologe bin, bemerke ich bei vielen eine Skepsis und Scheu. Das Vorurteil, dass nur Verrückte zum Psychologen gehen, hält sich hartnäckig in den Köpfen der Menschen.“

Wissenschaftliche Tests
Eine exakte Diagnose ist das Um und Auf jeder weiterführenden Behandlung. Hierfür gibt es unterschiedliche wissenschaftliche Testverfahren, die Weidlich abgestimmt auf den jeweiligen Patienten auswählt, je nach Beeinträchtigung. Dabei werden die Persönlichkeitsstruktur, die psychische Befindlichkeit sowie Art und Ausmaß der psychischen Beeinträchtigung und Leistungsfähigkeit bzw. deren Einschränkung untersucht.
Im neuropsychologischen Testlabor stehen ihm verschiedene Hilfsmittel – Computer, Bilder, Kärtchen usw. – zur Verfügung. Hier wird alles getestet: Gedächtnisleistung, Reaktion, Wahrnehmung und vieles mehr. Bruno Weidlich nennt ein Beispiel: „Beim Cerad-Test zeige ich dem Patienten verschiedene Bilder – Blume, Haus, Auto, Vulkan etc. Liegt eine Wahrnehmungs- oder Benennstörung vor, erkennt der Patient den Vulkan nicht als solchen, sieht stattdessen eine Wolke oder ein Lagerfeuer, oder ihm fällt das Wort nicht ein. Somit weiß ich, wo im Hirn die Störungen sind.“ Außerdem sind die Tests geschlechts-, alters- und bildungsnormiert. Kann man schummeln? „Nein, das merke ich“, entgegnet der klinische Psychologe knapp, und lässt sich hier nicht weiter in die Karten schauen.

Genaue Diagnose
Bei der Diagnosestellung geht Weidlich streng nach dem Handbuch ICD-10 vor, der Internationalen Klassifikation aller Krankheiten. Auf Basis der Untersuchungsergebnisse entscheidet der klinische Psychologe über eventuell erforderliche Beratungs- und Behandlungsmaßnahmen. Bei Maria M. ist der Fall nach wenigen Fragen bereits klar: Ihre Defizite liegen in der linken Gehirnhälfte, wo auch das abstrakte Denken sitzt. Möglichkeiten der Behandlung sind beispielsweise eine Rehabilitation oder ein Kompensationstraining, um den Schaden auszugleichen. Leidet ein Patient an einer Gedächtnisstörung, hilft beispielsweise das Schreiben eines Tagebuchs, um die mangelnde Erinnerung auszugleichen. Die Art der Behandlung wird immer individuell auf den Patienten abgestimmt.

Großes Einsatzgebiet
Das Einsatzgebiet der klinischen Psychologie ist groß. In der Onko-Psychologie, der Betreuung von Krebskranken, wird vor allem Gesprächstherapie eingesetzt, erklärt Weidlich: „Die Diagnose Krebs stellt Betroffene vor existenzielle Fragen. Ein solch einschneidendes Ereignis erschüttert und verunsichert. Aber es fordert auch heraus, zu fragen, was einem wirklich wichtig ist im Leben, auf welche Art und Weise man leben will. Eine psychologische Unterstützung kann im gesamten Verlauf einer Tumorerkrankung sinnvoll und erforderlich sein. Inhalt und Ziel richten sich nach Situation und Anliegen der Betroffenen.“

Psychische Belastungen

Klinische Psychologen helfen bei sämtlichen psychischen Belastungen, beispielsweise beim Tod des Kindes, bei postnatalen Depressionen und vielem mehr – überall dort, wo es Leidensdruck gibt. Manchmal ist die Gabe von Medikamenten notwendig, darüber entscheidet der jeweilige Arzt.
Psychologe Weidlich betont: „Medikamente helfen, sind aber nicht immer notwendig. Eine psychologische Behandlung ist bei psychischen Leiden auf jeden Fall anzuraten.“ Behandelt werden die Patienten nach der jeweiligen passenden Methoden unterschiedlicher Therapieschulen – Gesprächs-, Gestalttherapie usw.

Ängste und Depressionen
Ein vielfältiges Einsatzgebiet der klinischen Psychologen sind psychische Erkrankungen wie Angst­störungen und Depressionen. Seit Jahren am Vormarsch sind sie bereits auf Platz 3 der Krankheiten-Skala vorgerückt. Die Krankenstandstage sind in den letzten Jahren fast explodiert, ebenso die Frühpensionierungen in die Höhe geschnellt. Als Gründe diskutiert werden eine natürliche Veranlagung und auch äußere Umstände wie sich verändernde Lebens- und Arbeitsbedingungen. Mit einer klinisch-psychologischen Behandlung kann man hier rechtzeitig gegensteuern. Und keine Sorge: Klinische Psychologen sind an das Berufsgeheimnis gebunden und unterliegen der Schweigepflicht.
Was schätzt Weidlich an seinem Beruf? „Dass ich Menschen in schwierigen Lebensphasen helfen kann. Dazu gehört zum einem die genaue, auf wissenschaftlichen Grundsätzen beruhende Analyse des Verhaltens und Erlebens und zum anderen die darauf basierende Behandlung.

 Und das Schönste daran: Im Mittelpunkt steht der Mensch.“

Veröffentlicht unter Allgemein

Im Archiv